Ur- und Frühgeschichte

Mit Ausnahme der Grabhügel der älteren und mittleren Bronzezeit ist das Amt Nortorfer Land nicht besonders reich mit sicht- und erlebbaren vor- und frühgeschichtlichen Denkmälern gesegnet. Zu viel ist im Laufe der Zeit unwiederbringlich zerstört worden. Selbst von einem derartig großen Gebilde wie dem Ringwall von Borgdorf, einer frühmittelalterlichen Burganlage, ist kaum noch etwas zu erkennen. Doch dieser Mangel soll uns nicht entmutigen, einen kurzen Streifzug von der Steinzeit über die Bronze- und Eisenzeit bis ins frühe und hohe Mittelalter zu unternehmen. Mit der letztgenannten Epoche setzt eine nicht mehr abreißende Kette schriftlicher Überlieferung ein. Das ist der Übergang von der noch weitgehend schriftlosen Frühgeschichte zur eigentlichen Geschichte. In diese Zeit - teilweise sogar noch später - fallen auch die ersten schriftlichen Erwähnungen der amtsangehörigen Gemeinden (nach Laur):

vor 1200

Emkendorf  und Nortorf (um 1190), Langwedel (1197), Ellerdorf, Groß Vollstedt (alle vor 1200)                 

1200 - 1300

Dätgen (1243), Bokel, Holtdorf, Krogaspe (alle zwischen 1264 und 1289), Alt-Mühlendorf (1271), Schülp (1286)

1300 - 1400

Borgdorf, Gnutz, Timmaspe (alle 1320), Eisendorf (1335), Seedorf (1361), Enkendorf (1376), Warder (1383)

1400 - 1500

Pohlsee (1418), Bargstedt, Blocksdorf, Brammer (alle 1442), Kleinvollstedt (1458)

nach 1500

Oldenhütten (1538)

Für die Dörfer des Amtes Nortorfer Land hat sich der Eintritt in die Geschichte über einen Zeitraum von rund dreieinhalb Jahrhunderten erstreckt. Doch teilweise sind die Siedlungen bedeutend älter, als uns ihre erste Erwähnung weis machen will. Wenden wir deshalb unseren Blick von der Nahtstelle Frühgeschichte / Geschichte auf den Anfang der dauerhaften Besiedlung in der Gegend um das spätere Nortorf. 

Begonnen hat alles in der ausgehenden mittleren und heranbrechenden jüngeren Steinzeit. Damals wurden die Menschen in unserem Raum zum erstenmal sesshaft. Zuvor hatten nur herumstreifende Jäger und Sammler der mittleren Steinzeit (ca. 8000 - 4200/3600 v. Chr.) ihre Spuren hinterlassen, aber außer den zeitgenössischen Fundstücken ist von ihnen kein dauerhaftes Bodendenkmal auf uns gekommen. Erst die Jungsteinzeitleute (ca. 3500 - 1800 v. Chr.) richteten sich feste Siedlungsplätze ein, denn sie waren die ersten Bauern im Land. Und Ackerbau kann bekanntlich nur derjenige treiben, der einen ständigen Wohnsitz hat. Durch die notwendige Sesshaftigkeit entstanden im Laufe der Zeit bäuerliche Sippenverbände, die ihre Toten in sog. Großstein- oder Megalithgräbern bestatteten, die im Volksmund noch häufig als Hünengräber bezeichnet werden. Sie sind die ältesten noch vorhandenen Bauwerke Schleswig-Holsteins!

Einst sind die meisten Gemarkungen des Amtes Nortorfer Land auch mit Großsteingräbern versehen gewesen, aber immer wieder muss man Berichte wie diesen lesen: „Auf der Feldmark [von Warder] befinden sich drei Grabhügel, von denen man aber die großen Steine gespalten und zum Häuserbau benutzt hat.“ Unwissenheit und Unvernunft haben leider dazu geführt, dass die jahrtausendealten Grabstätten der ersten holsteinischen Bauern bis auf klägliche Reste als Steinbrüche ausgebeutet und somit für immer vernichtet wurden. Nur noch ein paar Megalithgräber in den Wappen verschiedener Amtsgemeinden (Groß Vollstedt, Schülp, Warder) erinnern an die große Zeit der ersten Totenhäuser unseres Landes.     

Der Stein- folgte die Bronzezeit (ca.1800 - 550/500 v. Chr.). Diese Kupfer-Zinn-Legierung hat das Leben der Menschen nördlich der Elbe grundlegend verändert. Die „Nordische Bronzezeit“ - so der Fachausdruck - hat das Gespür für das Schöne bei unseren Vorfahren geweckt und die dazugehörige Kunstfertigkeit zur höchsten Blüte getrieben. Nachdem sie den Umgang mit den importierten Rohstoffen - von beiden benötigten Metallen gibt es auf dem schleswig-holsteinischen Festland keine natürlichen Vorkommen - gelernt hatten, machte ihnen auf dem Gebiet des Bronzegusses keiner mehr etwas vor. In der älteren Bronzezeit (ca. 1800 - 1100 v. Chr.) entstand auch eine neue Grabsitte. Die Toten wurden jetzt in Hügelgräbern bestattet, die man oft in exponierter Lage auf Bergen, Kuppen und Anhöhen anlegte. Im Amt Nortorf-Land lassen sich noch viele solcher Grabhügel der älteren und mittleren Bronzezeit bewundern. Besonders markant ist einer auf dem Wartenberg westlich von Blocksdorf. Aber auch ganze Grabhügelgruppen, z.B. zwischen Blocksdorf und Warder oder nördlich des Borgdorfer Sees, laden zur Zwiesprache mit unserer Vorgeschichte ein.

Die der Bronzezeit nachfolgende Eisenzeit (ca. 500 v. Chr. - 400 n. Chr.) hat keine so weithin sichtbaren Spuren in der Landschaft hinterlassen. Die Toten wurden verbrannt und ihre Asche in Urnen beigesetzt. Dafür haben die Menschen der Eisenzeit uns die Überreste der Verhüttung besagten Metalles hinterlassen. Besonders in den Bereichen um Neumünster und Jevenstedt gab es in Holstein größere Raseneisenerzlager, die ausgebeutet und wohl an Ort und Stelle zu Eisen verhüttet wurden. Unzählige Schlackenfunde belegen die jahrhundertelange Nutzung der Erzvorkommen. Große Heidegebiete - bei Nortorf ist es die Iloo-Heide - sind ein weiteres Ergebnis der Eisenverhüttung, denn das Holz des Waldes wurde als Heizmaterial benötigt. Die nun schutzlosen Böden wurden ausgewaschen und für die Landwirtschaft immer wertloser. Erst ab dem 18. Jahrhundert versuchte man, die Heideflächen Schleswig-Holsteins durch verschiedene Maßnahmen wieder zu kultivieren.      

Einher mit der langsamen Verheidung ging eine Klimaverschlechterung während der Eisenzeit. Auch deshalb sahen sich viele der in Holstein ansässigen Sachsen in der Mitte des 5. nachchristlichen Jahrhunderts veranlasst, ihrer Heimat den Rücken zu kehren und mit Teilen der Angeln und Jüten in das spätere England auszuwandern. Die Folge war, dass das Land immer menschenärmer und - leerer wurde, besonders der Osten Holsteins. Dieser Zug der Zeit ist auch im Raum Nortorf zu spüren. Wahrscheinlich haben nur zwei Dörfer des Amtes die Völkerwanderungszeit mehr oder weniger unbeschadet überstanden: Bargstedt und Groß Vollstedt. Einige Ortsnamenforscher verlegen nämlich die Gründungszeit von Dörfern, die auf „stedt“ enden, in die ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Alle anderen Orte sind wohl erst im Verlauf des frühen und vor allem des hohen Mittelalters entstanden.

Durch die Preisgabe des östlichen Holsteins gelang es den sich immer weiter nach Westen ausbreitenden Slawen, ab dem 7. Jahrhundert die nahezu vollständig verlassenen Gebiete wieder zu besiedeln. Mit ihrem Eintreffen standen sich von nun an zwei verfeindete Völkerschaften im Land zwischen den Meeren gegenüber: die alteingesessenen Sachsen im Westen und die eingewanderten Slawen im Osten. Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts kam es immer wieder zu heftigen Grenzkämpfen, Schlachtenlärm und Rachefeldzügen. Deshalb legten die Sachsen zu ihrem Schutz im 9. und 10. Jahrhundert eine Reihe von Burgen in Form von Ringwällen an. Eine von ihnen lag am Borgdorfer See und hat dem Dorf seinen Namen gegeben. Zu sehen ist für den Unkundigen allerdings kaum etwas, da die Anlage im Laufe der Zeit nahezu vollständig eingeebnet wurde. Eine noch sehr gut erhaltene sächsische Burg derselben Epoche ist im nahen Einfeld zu besichtigen.            

Entscheidend für die historische Entwicklung war schließlich das 12. Jahrhundert. Um 1140 wurden die Slawen endgültig von den Sachsen bezwungen, und ihr Land wurde mit Siedlern aus dem Nordwesten des Deutschen Reiches kolonisiert. Auch im Raum um Nortorf entstanden wie in Ostholstein im 12. und 13. Jahrhundert viele neue Dörfer, meist erkennbar am verhältnismäßig einfach zu deutenden, oft auf landschaftliche Gegebenheit bezugnehmenden Ortsnamen: Bokel (= Buchenwäldchen), Borgdorf (= Burgdorf), Ellerdorf (= Erlendorf), Langwedel (= lange Furt), Seedorf oder Warder (= Insel, Halbinsel). Im Verbund mit der Kolonisation des hohen Mittelalters muss man auch den sich herausbildenden holsteinischen Uradel sehen, der oft als Siedlungsunternehmer und -gründer (Lokator) auftrat. Die Lokatoren saßen meist gut geschützt auf kleinen, aber nur schwer zu erobernden Turmhügelburgen. Einige dieser Anlagen lassen sich auch im Bereich des Amtes Nortorf-Land nachweisen und besichtigen, z.B. bei Emkendorf, Groß Vollstedt oder Langwedel. Damit wären wir wieder am Anfang unserer kurzen Betrachtung angelangt, denn mit dem hohen Mittelalter geht - wie eingangs geschildert - für die meisten Dörfer des Amtes Nortorfer Land die Frühgeschichte zu Ende und die eigentliche Geschichte nimmt ihren Anfang.